Studie: Pille verlangsamt Muskelaufbau

12.06.2022 – Erfolgreich Muskelmasse aufzubauen erfordert regelmäßiges Training, ausreichend lange Regenerationsphasen und eine proteinreiche Ernährung. Darüber hinaus gibt es auch einen anderen wichtigen Faktor, den junge Frauen beachten sollten: Eine aktuelle Studie der Universität Kopenhagen kommt zu dem Ergebnis, dass hormonelle Verhütungsmittel offenbar einen massiven Einfluss auf den Muskelaufbau haben.

Einfluss von der Pille auf den Muskelaufbau bei Frauen

Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Aktuelle Studie untersucht den Einfluss von hormonellen Verhütungsmitteln auf den Muskelaufbau bei Frauen
  • Zwei Gruppen von Frauen wurden über 10 Wochen untersucht, eine Gruppe verhütete hormonell, die andere nicht. Alle Teilnehmerinnen führten denselben Trainingsplan aus.
  • Nach 10 Wochen hatte die Gruppe, die nicht hormonell verhütete, bis zu 40% mehr Muskelmasse aufgebaut.
  • Hormonelle Verhütungsmittel haben demnach einen großen Einfluss auf die sportliche Leistungsfähigkeit von Frauen.
  • Studie von 2019 mit ähnlichem Versuchsaufbau kommt zu anderem Ergebnis.

Studie vergleicht Muskelwachstum mit und ohne hormonelle Verhütung

Die Studie von Riechmann und Lee mit dem TitelOral Contraceptive Use Impairs Muscle Gains in Young Women untersucht, ob hormonelle Verhütungsmittel wie die Antibabypille Einfluss auf das Muskelwachstum bei Frauen haben. Dabei wurden zwei Gruppen von Frauen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren über 10 Wochen untersucht. Eine Gruppe nahm dabei hormonelle Verhütungsmittel, während die andere Gruppe nicht hormonell verhütete. 

Aufbau der Studie 

Vor dem Beginn der Studie wurde bei allen Probandinnen die Körperzusammensetzung durch hydrostatisches Wiegen ermittelt. Mithilfe dieses Messverfahrens kann das Verhältnis von Fett- und Muskelmasse sehr präzise ermittelt werden. Außerdem wurden vor und nach dem Training Blutproben entnommen und so u.a. die DHEA-, IGF-1– und Cortisolwerte ermittelt.  

Alle Teilnehmerinnen führten dreimal pro Woche einen Ganzkörper Trainingsplan aus. Von jeder Übung wurden dabei 3 Sätze ausgeführt. Das Übungsgewicht entsprach dabei 75% von der Maximalkraft jeder Teilnehmerin.

Antibabypille: Auswirkungen auf den Muskelaufbau

Studienergebnisse entlarven hormonelle Verhütungsmittel als Bremse für den Muskelaufbau

Nach 10 Wochen waren bei den Vergleichsgruppen signifikante Unterschiede beim Muskelwachstum erkennbar. Probandinnen, die keine hormonellen Verhütungsmittel nahmen, konnten im Vergleich zur Gruppe, die hormonell verhütete, bis zu 40% mehr magere Muskelmasse aufbauen. 

Die DHEA, DHEAS und IGF-1 Werte waren bei den Teilnehmerinnen, die hormonbasierte Verhütungsmittel nahmen, signifikant niedriger als bei der Vergleichsgruppe. Diese Hormone sind für das Muskelwachstum sehr wichtig und ihre Ausschüttung wurde durch die, in der Antibabypille enthaltenen, Hormone anscheinend stark gemindert. 

Der Cortisolspiegel bei den hormonell verhütenden Frauen war dagegen deutlich erhöht, sowohl nach dem Training, als auch im Ruhezustand. Cortisol ist auch bekannt als “Stresshormon”. Erhöhte Werte können z.B. die Schlafqualität verringern und die Anhäufung von Fettdepots im Körper begünstigen.

Studie von 2019 kommt zu anderem Ergebnis

Dass die Aussagekraft von einzelnen Studien mit Vorsicht zu genießen ist, zeigt eine Studie aus dem Jahr 2019 von Schoenfeld et al., bei der ebenfalls untersucht wurde, welchen Effekt die Pille auf das Verhältnis von Fett- und Muskelmasse, sowie den Kraftaufbau bei trainierten Frauen hat. Am Ende kommt das internationale Team aus WissenschaftlerInnen dort zu folgendem Ergebnis:

The use of oral contraceptives during resistance training did not negatively affect body composition or strength levels in trained women.”

Die Forscher konnten in dieser Studie also keinerlei signifikanten Einfluss der Pille auf die Leistungsfähigkeit von trainierten Frauen beobachten. Dies gilt sowohl für die Entwicklung der Kraftwerte, als auch für das Verhältnis von Fett- und Muskelmasse bei den Studienteilnehmerinnen.

Pille und Training

Ist die Pille nun schlecht für den Muskelaufbau?

Da sich die beiden Studien quasi widersprechen, können wir dir auf diese Frage an dieser Stelle leider keine allgemeingültige Antwort geben. Als Leistungssportlerin solltest du dich in jedem Fall von deinem Frauenarzt bzgl. der Auswirkungen von verschiedenen Verhütungsmitteln auf deine sportliche Leistungsfähigkeit beraten lassen. In jedem Fall sei gesagt, dass die Pille einen Eingriff in den körpereigenen Hormonhaushalt darstellt und auch zahlreiche Nebenwirkungen haben kann.

Fazit

Hormonelle Verhütungsmittel scheinen laut neuesten Erkenntnissen einen großen Einfluss auf den Muskelaufbau bei Frauen zu haben. Die Studienergebnisse von Riechmann, Newman und Lee legen nahe, dass Leistungssportlerinnen und ambitionierte Hobbysportlerinnen sich ernsthafte Gedanken für den Einsatz von hormonellen Verhütungsmitteln machen sollten. Dass diese Ergebnisse jedoch mit Vorsicht zu betrachten sind, zeigt die Studie von Schoenfeld et al. aus dem Jahr 2019. Dort kamen die Forscher bei einem ähnlichen Versuchsaufbau zu einem völlig anderen Ergebnis.

Wenn du dich als Frau für Bodybuilding interessierst oder den Sport bereits aktiv betreibst und so viel Muskelmasse wie möglich aufbauen möchtest, solltest du dich von deinem Frauenarzt bzgl. der Wirkung von hormonellen Verhütungsmitteln beraten lassen. Eventuell sind nicht hormonelle Alternativen geeigneter, um dich deinen sportlichen Zielen näherzubringen.

Glossar

  • Hormonelle Verhütung: Zu den bekanntesten hormonellen Verhütungsmitteln zählen die Antibabypille, der Verhütungsring, die Dreimonatsspritze, das Verhütungsstäbchen und die Hormonspirale. Durch künstlich hergestellte Östrogene und Gestagene beeinflussen die hormonellen Verhütungsmethoden den weiblichen Zyklus und verhindern dadurch den Eisprung.
  • DHEA: Das Schlüsselhormon DHEA (Dehydro-Epi-Androsteron) ist für die Steuerung zahlreicher Abläufe im Körper zuständig. Es ist eine Vorstufe von Testosteron und hat somit einen wichtigen Einfluss auf den Muskelaufbau. Hauptsächlich wird das Hormon in der Nebenniere, im Gehirn und beim Mann im Hoden produziert.
  • IGF-1 (engl. Insulin-like growth factor 1): Vorwiegend in der Leber und im Fettgewebe produziertes Hormon. IGF-1 ist maßgeblich an der Steuerung des Zellwachstums beteiligt und daher für den Muskelaufbau sehr wichtig.
  • Cortisol: Das auch als Stresshormon bekannte Cortisol setzt im Körper zahlreiche Stoffwechselvorgänge in Gang, damit der Körper energiereiche Anstrengungen ausführen kann. Erhöhte Cortisolwerte können allerdings u.a. zu Schlafproblemen und dem Abbau von Muskelmasse, sowie der Zunahme von Fettgewebe im Körper führen.
  • Hydrostatisches Wiegen: Bei dieser professionellen Messmethode wird zuerst das Lungenvolumen bestimmt. Im Anschluss steigt man in einen speziellen Wassertank, um zu messen, wie viel Wasservolumen der Körper verdrängt. Die verdrängte Wassermenge wird dabei auf den Milliliter genau erfasst. Von diesem Wert wird das Lungenvolumen abgezogen. Zuletzt wird dann noch das Körpergewicht unter Wasser ermittelt. Die Kombination der ermittelten Werte ergibt eine überaus präzise Messung des Fett- und Muskelanteils im Körper.

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